Philosophisches Todesurteil: Menschliches Leben ist zum Unglück bestimmt
Giacomo Leopardi gehört zu den größten romantischen Poeten Italiens. Seine Werke sind geprägt von tiefem Pessimismus. Seine These: menschliches Leben ist unweigerlich zum Unglück bestimmt. Das hat einen einfachen Grund.
Wer schreibt schon derart atemlos und dennoch präzis, ja penibel? Nicht endenwollende Sätze beständig weiter ausbauend, seine Thesen immer wieder untermauernd, ihre unweigerlichen Konsequenzen bekräftigend, um wider allen Augenschein, gegen all unser Bestreben das niederschmetternde Ergebnis festzuhämmern: Das Menschenleben ist und bleibt unweigerlich zum Unglück bestimmt – trotz all unserer Phantasien, unserer Intuitionen, unserer Hoffnungen. Nein, das philosophische Todesurteil lässt sich weder verdrängen noch verschönern, weder leugnen noch rationalisieren. Den einzig möglichen, freilich ephemeren Ausweg findet Giacomo Leopardi, wir wissen es, allein in der Dichtung.
Es gibt bereits Teilübersetzungen aus Leopardis Zibaldone, seinem Gedankentagebuch, vor über zwei Jahrzehnten etwa die von Sigrid Vagt hervorragend verdeutschte Auswahl „Das Massaker der Illusionen“ in Hans Magnus Enzensbergers Anderer Bibliothek. Doch erst jetzt, endlich, können auch deutsche Leser dem größten romantischen Poeten Italiens in das unübersichtliche Bergwerk seiner Theorien folgen, kritisch ediert von Franco D’Intino, der vor einigen Jahren schon die erste englische Gesamtausgabe begleitet hat und derzeit für den Verlag Quodlibet die neue ㈠italienische kritische Edition vorbereitet. Drei weitere Bände sollen folgen. Die neue Übersetzung von Daniel Creutz bleibt so nahe am Originaltext, dass man Leopardis luzide Verzweiflung schon in seinen komplizierten Satzfolgen wahrnehmen kann.
„Die menschliche Seele … begehrt im Wesentlichen immer und zielt einzig und allein – wenn auch unter tausend Aspekten – auf die Lust, und das heißt auf das Glück, das, wenn man es recht bedenkt, mit der Lust vollkommen eins ist. Dieses Begehren und dieser Hang kennt keine Grenzen, da es der Existenz innewohnt oder ihr angeboren ist, und daher kann es nicht in dieser oder jener Lust ein Ende finden, die nicht unendlich sein kann, sondern es endet allein mit dem Leben. Und es kennt keine Grenzen 1.weder hinsichtlich der Dauer, 2. noch hinsichtlich der Ausdehnung. Folglich kann es keine Lust geben, die 1. seiner Dauer, da keine Lust ewig ist, 2. seiner Ausdehnung, da keine Lust grenzenlos ist, gleichkäme, sondern die Natur der Dinge bringt es mit sich, daß alles begrenzt existiert und alles Grenzen hat und umgrenzt ist […] Da aber jede konkrete Lust umgrenzt ist, nicht aber die Lust [überhaupt], deren Ausdehnung unbestimmt ist und die Seele, die im Wesentlichen die Lust [überhaupt] liebt, umfasst jede erdenkliche Ausdehnung dieses Gefühls, ohne diese [Ausdehnung] überhaupt erfassen zu können, da sie keine klare Vorstellung von etwas gewinnen kann, das sie grenzenlos begehrt …“
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https://www.fr.de/kultur/giacomo-leopard...s-93638154.html
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