Sebastian Barry: Jenseits aller Zeit
Sebastian Barry und sein höllendunkler, dabei auch zarter Roman „Jenseits aller Zeit“.
Er hat den bodenständigen, ja gemütlich wirkenden Namen Tom Kettle – „kettle“ ist der Teekessel –, er besitzt einen „massigen, aber festen Leib“, seine „starke Präsenz mit dickeren Armen“ (Kettle über Kettle) suggerieren den Menschen, die von seiner Polizeikarriere wissen, dass es bei ihm Sicherheit gibt. Möglicherweise. Vielleicht. Seit neun Monaten ist Tom Kettle aber schon in Rente, er ist gleich umgezogen, wohnt nun an der Küste zur Miete (nach Dublin ist er ziemlich lang unterwegs), in einem Haus, zu dem ihn das Rauschen des Meeres direkt unter seinem Panoramafenster gelockt hat.
Sebastian Barry, 1955 in Dublin geboren, schickt die abgebrühte Krimileserin zuerst auf eine falsche Spur, weckt nämlich die Erwartung, hier habe sie es mit der beliebten Genre-Variation Ermittler-im-Ruhestand-löst-alten-Fall zu tun. Denn an einem „sorgenfreien Februarnachmittag“ läuten zwei junge Ex-Kollegen an Tom Kettles Tür, Wilson und O’Casey, und sagen zu ihm, „dass Sie uns in einer Sache vielleicht helfen können“. Da sich ein übles Unwetter entwickelt, fühlt er sich sogar verpflichtet, sie übernachten zu lassen. Aber was ihre Bitte betrifft: „Er hatte sie enttäuscht, das wusste er.“
Barrys Roman heißt nicht umsonst „Jenseits aller Zeit“, denn so geht es in Tom Kettles Gedanken zu, in die sich Manches einschleicht, was nur (noch) in seiner Fantasie stattfindet. Dass ihn seine Tochter Winnie besucht zum Beispiel, im Sessel sitzt, ihre langen Beine ausstreckt, mit ihm Tee trinkt, ihm Ratschläge gibt. Als Leserin muss man verflixt aufpassen auf die kleinen Anzeichen, etwa dass ihre Tasse in seiner Hand „trocken“ ist, als er abspülen will.
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